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Lisa Kühne 06.01.2012 15:00 Uhr - Aktualisiert 06.01.2012 16:04 Uhr
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Pfarrer für 14 Jahre in Sibirien

Rathenow (MZV) Wer in der Friesacker Straße in Rathenow öfter seine Runde geht, dem dürfte es aufgefallen sein: Die Türen zum Pfarramt der katholischen Gemeinde St. Georg sind Tag ein Tag aus geöffnet. In dem roten Klinkerhaus wohnt und arbeitet Pfarrer Bernhard Scholtz, der gerne einen Plausch hält.

  Bernhard Scholtz in seinem Büro: Zu seiner Arbeit gehört es auch, rund um die Uhr für die Menschen der Gemeinde erreichbar zu sein. © Kühne

Wer durch den gläsernen Eingang in die Wohnung des Pfarrers tritt, steht in einem lichtdurchfluteten und offenen Flur. Keine Zimmertür ist verschlossen. Während der Klinkerbau eher altbackenes Mobiliar erwarten lässt, zeigt sich im Inneren Modernität. Durch das Wohnzimmer hindurch, führt der Weg ins Büro. Über einem hölzernen Schreibtisch leuchtet ein Herrnhuter Stern. Es sieht nach Arbeit aus: überall lose Blätter. Mittendrin eine DVD: „2012“.

Roland Emmerich drehte den Film 2009, nachdem Pessimisten aus dem Mayakalender einen Weltuntergang herbeibeschworen. „So ein Schwachsinn“, echauffiert sich Bernhard Scholtz. Er glaube da nicht dran, schließlich sollte schon so manches Mal die Welt untergehen. Während seiner Zeit in Sibirien hätten die Menschen schon an die vier Mal das Ende der Erde prophezeit: „Mich erschreckt gar nichts mehr“, sagt der 52-Jährige.14 Jahre sibirisches Leben haben seine Spuren hinterlassen. Bevor Bernhard Scholtz 2006 nach Rathenow kam, war er in Gottes Diensten im südlichen Russland unterwegs, ein Steppengebiet an der Grenze zu Kasachstan, wo vor allem Russlanddeutsche wohnen. In der sibirischen Stadt Slavgorod empfingen ihn die Leute mit offenen Armen: „Das Priesteramt ist sehr hoch angesehen, und ich hatte schnell das Vertrauen der Menschen“, so der gebürtige Ostberliner.

Es herrschte gerade Aufbruchstimmung. Viele Russlanddeutsche wollten die Heimat gen Bundesrepublik verlassen, standen unmittelbar vor der Ausreise. Der Pfarrer hat die Menschen mit heutiger Liturgie vertraut gemacht und sie geistlich betreut. „Während meiner Zeit habe ich Hunderte getauft“, berichtet der Pfarrer. Er versuchte, sie dort zu halten, oftmals vergebens. Das was sie mitnahmen, so Scholtz, sei ihr Glaube gewesen: „Und der ist hier wie dort gleich, was ihnen die Integration in Deutschland leichter machte“.

Während seiner Zeit ließ der Pfarrer seiner Gemeinde eine Kirche nach eigenem Entwurf errichten. Für die Innenausstattung ließ Scholtz eine Kopie des Isenheimer Altars schaffen. „Daran haben sich drei ehemalige kommunistische Propagandamaler beteiligt“, erinnert er sich schmunzelnd. Das berühmte Original malte Matthias Grünewald im 16. Jahrhundert.

Sibirien sei eine wichtige Erfahrung gewesen. „Das Leben war nicht ungefährlich. Es waren schon einige Mitbrüder ermordet worden,“ berichtet er. Hier in Deutschland schätze Pfarrer Scholtz die Sicherheit und sorglos schlafen zu können. Etwa 800 Mitglieder zählt die Katholische Pfarrgemeinde Sankt Georg Rathenow und Premnitz. Der demografische Wandel im Westhavelland lässt auch die katholische Kirche nicht unverschont.

„Viele Familien ziehen weg. Neue Mitglieder kommen hinzu, wenn jemand heiratet oder konvertiert. Die Kirche steht jedem offen“, versichert Bernhard Scholtz. Einmal im Monat haben im Pfarramt 20 Kinder im Alter von sechs bis 14 Jahren Religionsunterricht. Während im vorigen Jahr der Papstbesuch in Berlin das wohl größte Ereignis gewesen sein dürfte, ist für dieses Jahr eine Pilgerfahrt nach Assisi (Italien) geplant. „Es soll sehr schön dort sein und die Stadt hat noch ihren alten Charme“, schwärmt Scholtz. Er will sich mit interessierten Gemeindemitgliedern auf Busreise zur Heimat der Heiligen Klara und des des Heiligen Franziskus begeben. Die Pilgertour würde für ihn und seine Schäfchen eine Premiere darstellen.

Auch im Havelland, so erzählt der Pfarrer, gebe es die Möglichkeit einer Wallfahrt. Alte Jakobswege nach Santiago de Compostela in Spanien durchziehen auch die hiesige Region. Zwar würden die Pilgerstrecken in manch einem Fremdenführer Erwähnung finden, doch könnte eine gesonderte Darstellung den touristischen Reiz der Region fördern, glaubt Scholtz. Pilgerreisen werden auch bei Deutschen immer beliebter. Als bekanntester Pilger gilt Entertainer Hape Kerkeling („Ich bin dann mal weg“).

Indes staunt der Pfarrer darüber, wieviele Menschen sich am 11. November in Rathenow dem Laternenumzug zum Gedenken an den Heiligen Martin anschlossen - ein Brauch der jedes Jahr zelebriert wird. Dieser römische Soldat war so gutherzig, dass er seinen Mantel mit einem armen, frierenden Mann am Wegesrand teilte. Aber was hält der katholische Pfarrer von Feiertagsschöpfungen wie Halloween? Bernhard Scholtz verurteilt diesen Spaß für Kinder nicht. Zwei Dinge sind es jedoch, die ihn stören: „Bei Halloween sammeln die Kinder nur für sich, und du bekommst noch die Drohung ‚Sonst gibt’s Saures'. Ich bin nicht sicher, ob das zu unserer Kultur passt“.

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