Experte kritisiert Kreis und Stadt im Umgang mit den Bomben

Explosives Gutachten

507.05.10|Kreis OberhavelFacebook
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Oberhavel – Ganze Stadtteile von Oranienburg müssten eigentlich sofort „bis zur Gefahrenbeseitigung“ geräumt werden, heißt es in dem Bomben-Gutachten von Professor Wolfgang Spyra von der Universität Cottbus. Von Burkhard Keeve

Höchste Alarmstufe besteht, wenn Bombenblindgänger entdeckt und entschärft werden.

© Liebezeit

Höchste Alarmstufe besteht, wenn Bombenblindgänger entdeckt und entschärft werden.

Gleichzeitig schreibt er aber, dass sich das „jeglicher Vorstellungskraft entzieht“.

Am Freitag wurde dieser Zeitung erstmals Einsicht in das seit 2008 vorliegende Gutachten gewährt. Es war im Auftrag des Innenministeriums Brandenburg erstellt worden.

10 000 Bomben fielen während des Zweiten Weltkrieg auf Oranienburger Gebiet. Besonders betroffen war die Innenstadt Oranienburgs, der Flughafen und das Klinkerwerk.

Mehr als tausend Bombentrichter werden – laut Gutachten – in diesen Gebieten pro Quadratkilometer gezählt. Urteil: höchste Gefährdungsstufe.

Für Spyra ist daher die Selbstdetonation eines Bombenblindgängers „in naher Zukunft als wahrscheinlich anzunehmen“.

Vorhersagen, wann eine der geschätzten 326 Bomben von selbst explodieren könnte, sind nicht möglich.

Das Gutachten hat Oranienburg in zehn Gefahrenklassen unterteilt. Spyra schlägt sie als wissenschaftliche Grundlage für eine Prioritätenliste vor, nach der die Bombensuche vollzogen werden sollte. Die Räumungsmaßnahmen müssten umgehend beginnen.

Der Gutachter empfiehlt als Sofortmaßnahme den Einsatz eines Mediators oder Koordinators mit „anerkannter Autorität“.

Er soll die Absprachen der betroffenen Behörden und Fachdienste moderieren. Spyra stellt in diesem Zusammenhang der Stadt Oranienburg, dem Landkreis sowie dem Kampfmittelbeseitigungsdienst ein schlechtes Zeugnis aus.

„Die Arbeitssituation zwischen den Vertretern ist ineffektiv“, heißt es im Gutachten.

Spyra vergleicht darin die Stadt Oranienburg mit ehemaligen Truppenübungsplätzen in Brandenburg. Truppenübungsplätzen, auf denen Munition verschossen wurde, werde eine Gefahr für die Allgemeinheit unterstellt. Sie werden umzäunt und von möglichen Blindgängern beräumt. „Betrachtet man die Situation in Oranienburg, so ergibt sich ein gravierender Widerspruch zum Umgang mit ehemaligen Truppenübungsplätzen“, so Spyra mit Blick auf die 40000-Einwohner-Stadt.

Zudem bemängelt der Experte, in welcher Rangfolge die Stadt Oranienburg bislang die Bombensuche vorgenommen hat, nämlich nicht immer nach der höchsten Priorität.

Dies sei städteentwicklungspolitisch zwar durchaus nachvollziehbar, doch „im Hinblick auf die Unabdingbarkeit der unverzüglichen Beseitigung von akuten Gefahren für Leben und Gesundheit rechtlich schwer vertretbar“.

Es seien weniger gefährliche Bereiche beräumt worden, obwohl weitaus gefährliche Flächen bekannt waren, lautet sein Fazit.

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