Dresscode im Homeoffice: Was heute noch angemessen ist
Noch vor wenigen Jahren galt das Homeoffice als Ausnahme, fast schon als Privileg für wenige Berufsgruppen. Die Corona-Pandemie veränderte diese Wahrnehmung radikal. Millionen Beschäftigte mussten nahezu über Nacht ihre Arbeit in die eigenen vier Wände verlegen. Was zunächst als temporäre Notlösung gedacht war, entwickelte sich für viele zu einer dauerhaften Arbeitsform. Diese neue Realität wirft jedoch Fragen auf, die zuvor kaum jemand stellte.
Eine der drängendsten Fragen betrifft die angemessene Kleidung. Reicht die Jogginghose, wenn niemand zusieht? Ist der komplette Anzug übertrieben, wenn man allein vor dem Bildschirm sitzt? Die Antwort liegt zwischen diesen Extremen. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass Kleidung nicht nur die Wahrnehmung anderer beeinflusst, sondern auch die eigene Arbeitsleistung maßgeblich prägt. Der richtige Dresscode im Homeoffice ist daher mehr als eine Frage der Etikette.
Die psychologische Wirkung von Kleidung auf die Arbeitsleistung
Forscher der Northwestern University in Illinois führten ein aufschlussreiches Experiment durch. Die Probanden trugen bei verschiedenen Tests unterschiedlich formelle Kleidung. Das Ergebnis war eindeutig: Menschen in formeller Kleidung zeigten bessere Konzentrationsfähigkeit und abstrakteres Denken. Sie ließen sich weniger von unwichtigen Details ablenken. Die Kleidung beeinflusste also direkt die kognitive Leistung.
Professor Karen Pine von der Universität Hertfordshire beschäftigt sich seit Jahren mit der Psychologie der Kleidung. Ihre Forschungen belegen, dass Kleidungsstücke eine symbolische Bedeutung tragen. Diese Symbolik wirkt auf den Träger selbst zurück. Wer sich professionell kleidet, fühlt sich kompetenter und selbstbewusster. Dieser psychologische Effekt verstärkt sich im Homeoffice, wo äußere Strukturen fehlen. Die Kleidung wird zum wichtigen Anker für den Arbeitsmodus.
Business Casual als neuer Standard für das Homeoffice
Der strenge Dresscode Business Professional gehört im Homeoffice meist der Vergangenheit an. An seine Stelle tritt Business Casual. Dieser Stil verbindet formelle Elemente mit einer entspannteren Note. Er signalisiert Professionalität, ohne dabei auf Bequemlichkeit zu verzichten. Business Casual bedeutet für Männer oft eine Kombination aus Stoffhose und Hemd, optional mit Sakko. Die Krawatte bleibt im Schrank.
Frauen wählen im Business-Casual-Stil elegante Stoffhosen oder Bleistiftröcke. Blusen und Blazer ergänzen das Outfit harmonisch. Auch Kaschmir- oder Baumwollpullover können eine passende Alternative sein. Wichtig bleibt der Gesamteindruck: Die Kleidung soll gepflegt wirken und gleichzeitig den ganzen Tag über komfortabel sein. Poloshirts, langärmelige Blusen und Twinsets bieten weitere Kombinationsmöglichkeiten. Die Devise lautet: leger, aber keinesfalls nachlässig.
Styling-Regeln für Videokonferenzen

Auch bei den Farben gilt es, einiges zu beachten. Schwarz verschluckt Konturen, der Oberkörper wirkt wie ein dunkler Fleck. Reines Weiß reflektiert Licht stark und kann den Teint blass erscheinen lassen. Dunkelblau, Rot oder kräftiges Grün erweisen sich als günstigere Alternativen. Die Bildschirme schlucken Farbe, deshalb dürfen die Töne ruhig etwas intensiver sein. Matte Stoffe wie Jersey oder Krepp funktionieren besser als glänzende Materialien, die das Licht ungünstig reflektieren.
Komfort und Professionalität in Einklang bringen
Die Wahl der richtigen Stoffe entscheidet über den Tragekomfort im gesamten Arbeitstag. Naturfasern wie Baumwolle, Leinen oder Viskose bieten Atmungsaktivität. Sie regulieren die Temperatur und fühlen sich angenehm auf der Haut an. Gleichzeitig wirken diese Materialien hochwertig und professionell. Weit geschnittene Kleidung sorgt für Bewegungsfreiheit, ohne dabei schlabberig zu wirken.
Der Schnitt macht den Unterschied zwischen gepflegt und nachlässig. Oversized-Shirts oder ausgebeulte Jogginghosen gehören nicht zum professionellen Homeoffice-Outfit. Stattdessen empfehlen sich bequeme Schnitte mit guter Passform. Im Sommer bewähren sich leichte Stoffe wie Chino-Twill oder Leinen. Allerdings neigt Leinen zum Knittern, was bei Videokonferenzen ungünstig wirken kann. Strickstoffe aus natürlichen Materialien bieten im Winter Wärme und gleichzeitig einen gepflegten Look.
Work-Life-Balance durch bewusste Kleidungswahl

Nach Feierabend hilft der Kleiderwechsel beim Abschalten. Dieser simple Akt trennt Arbeit und Freizeit auf symbolischer Ebene. Viele Berufstätige berichten, dass sie ohne diese Rituale Schwierigkeiten haben, wirklich abzuschalten. Die Grenzen zwischen den Lebensbereichen verschwimmen. Bewusste Kleidungswahl schafft hier Abhilfe. Sie gibt dem Tag Struktur und schützt vor den negativen Folgen ständiger Verfügbarkeit.
Branchenspezifische Unterschiede und individuelle Freiräume
Nicht jede Branche stellt dieselben Anforderungen an den Dresscode, denn Banken, Versicherungen oder Anwaltskanzleien pflegen traditionell formellere Standards. Deshalb kann hier selbst im Homeoffice ein Sakko oder Blazer angebracht sein, insbesondere bei Kundenkontakt. Kreativbranchen und Start-ups hingegen zeigen sich deutlich lockerer, sodass hier oft Jeans und ein gepflegtes Shirt ausreichen.
Trotzdem bleibt, ungeachtet dieser Unterschiede, Spielraum für Individualität. Im Homeoffice erlaubt es, den persönlichen Stil mit beruflichen Anforderungen zu kombinieren. Dabei gilt, dass sich Wohlbefinden in der Kleidung auf die Ausstrahlung überträgt, wodurch Selbstsicherheit entsteht. Diese Authentizität wirkt positiv auf Kollegen und Kunden. Unter dem Strich liegt der Schlüssel darin, eine Balance zu finden: professionell genug für den beruflichen Kontext, gleichzeitig persönlich genug für eine echte Wohlfühlatmosphäre.
Fazit zum Dresscode im Homeoffice

Besonders bei Videokonferenzen gelten spezielle Regeln für Farben, Muster und Materialien. Letztlich dient bewusste Kleidungswahl nicht nur dem professionellen Auftreten, sondern auch der eigenen Work-Life-Balance. Wer morgens in Arbeitskleidung schlüpft und abends wieder wechselt, schafft klare Grenzen zwischen Beruf und Privatleben – eine wichtige Voraussetzung für langfristiges Wohlbefinden im Homeoffice.
