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Feministisches Institut Hamburg – Analysen, Positionen und Beratung

Im Sommer 2007 entstand in Hamburg ein besonderes Projekt. Drei Wissenschaftlerinnen gründeten das Feministische Institut Hamburg. Es war das zweite feministische Institut bundesweit. Seinen Sitz hatte es am Pinnasberg 62 in Hamburg-Altona. Der Untertitel lautete „Analysen, Positionen & Beratung“. Feministische Wissenschaft sollte damit politisch wirksam werden. Das Institut verstand sich als Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Praxis. Gleichzeitig bot es einen Raum für kritische gesellschaftliche Debatten. Heute hat das Institut seinen Betrieb eingestellt. Doch seine Beiträge bleiben über das Webarchiv zugänglich.

Grundlage der Arbeit war eine zentrale Erkenntnis. Geschlecht besitzt demnach keine natürliche Grundlage. Vielmehr stellt es eine normative Differenzierung dar. Soziale Praktiken erzeugen Geschlecht immer wieder neu. Das Institut wollte diese Konstruktionsprozesse sichtbar machen. Zudem ging es darum, Machtverhältnisse und Ungleichheiten zu analysieren. Feministische Erkenntnisse sollten politische Phänomene erhellen. Dabei standen Ungleichheiten und fehlende Teilhabe im Fokus. Gerade in Zeiten verstärkter Ökonomisierung hielt das Team dies für wichtig. Feministische Debatten sollten dabei weit über Hochschulen hinausreichen.

Gründung und Selbstverständnis

Melanie Groß, Tanja Carstensen und Gabriele Winker initiierten die Gründung. Alle drei forschten zur Geschlechterforschung an der TU Hamburg-Harburg. Allerdings wollten sie bewusst keine reinen Gender Studies betreiben. Stattdessen entschieden sie sich für den Feminismusbegriff. Denn der Begriff „Gender“ hatte sich im Kontext des Mainstreaming entradikalisiert. Melanie Groß bezeichnete die Namenswahl als „subversive Strategie“. Ein seriöses Institut nutzte einen provokativen Begriff. Dabei bearbeitete es ganz andere Inhalte als erwartet. Trotzdem überwogen die positiven Reaktionen deutlich. Manche assoziierten Feminismus allerdings mit Rückständigkeit. Andere sahen darin einen Rückfall hinter postfeministische Debatten. Doch genau diese Irritationen waren beabsichtigt.

Gründung und Selbstverständnis

Das Institut existierte als virtuelles Projekt neben der Universität. Die Mitglieder betrieben es ehrenamtlich in ihrer Freizeit. Dennoch verfolgten sie das Ziel einer Existenzsicherung. Es verstand sich als Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Praxis. Gleichzeitig wollte es feministische Positionen in öffentliche Diskurse einbringen. Tanja Carstensen beschrieb den Wunsch nach mehr Sichtbarkeit. Feministische Positionen sollten ein stärkeres Gewicht in Massenmedien bekommen. Verschiedene theoretische Traditionen flossen dabei zusammen. Marxistische Ökonomiekritik traf auf Queer Theory und poststrukturalistische Ansätze.

Das Team

Acht Personen bildeten das Kernteam des Instituts. Wissenschaftliche Expertise verband sich mit politischem Engagement. Dr. Tanja Carstensen forschte zu Technik-, Internet- und Arbeitssoziologie. Prof. Dr. Gabriele Winker lehrte Arbeitswissenschaft und Gender Studies. Sie leitete den Arbeitsbereich Arbeit-Gender-Technik an der TU Hamburg-Harburg. Zusammen mit Nina Degele entwickelte sie die intersektionale Mehrebenenanalyse. Prof. Dr. Melanie Groß lehrte an der FH Kiel Erziehung und Bildung. Ihr Interesse galt Widerstandsbewegungen und poststrukturalistischen Feminismen. Prof. Dr. Kathrin Schrader verband Sozialarbeit mit Intersektionalitätsforschung. Ab 2014 lehrte sie als Professorin an der FH Frankfurt.

Name Position/Institution Forschungsschwerpunkte Wichtigste Beiträge
Dr. Tanja Carstensen TU Hamburg-Harburg Technik-, Internet- und Arbeitssoziologie Gender@Wiki, Online-Interventionen
Prof. Dr. Gabriele Winker TU Hamburg-Harburg, Arbeit-Gender-Technik Arbeitswissenschaft, Gender Studies, Care-Arbeit Intersektionale Mehrebenenanalyse, Care Revolution
Prof. Dr. Melanie Groß FH Kiel, Erziehung und Bildung Widerstandsbewegungen, poststrukturalistische Feminismen Feminismus-Begriffspolitik, Gender@Wiki
Prof. Dr. Kathrin Schrader FH Frankfurt (ab 2014), Sozialarbeit Intersektionalitätsforschung, Sexarbeit Forschung zu drogengebrauchenden Sexarbeiterinnen
Prof. Dr. Rainer Fretschner Wissenschaftler Alter und Gender Intersektionalität im Alter
Tina Habermann Wissenschaftlerin Feminismus und Stadtpolitik Analyse Kölner Silvesternacht 2016
Lars-Arne Raffel Wissenschaftler Rechte Formierungen, feministische Transformation AfD-Analyse: homofeindlich und antifeministisch
Rhoda Tretow Architektin, Master Gender Studies Architektur und Gender Raumkritische feministische Perspektive
💡 Kernteam 8 Personen bildeten das Kernteam – eine interdisziplinäre Mischung aus Wissenschaft und Aktivismus, die feministische Theorie mit politischer Praxis verband.

Hinzu kamen Prof. Dr. Rainer Fretschner mit Schwerpunkt Alter und Gender. Tina Habermann engagierte sich zu Feminismus und Stadtpolitik. Lars-Arne Raffel forschte zu rechten Formierungen und feministischer Transformation. Rhoda Tretow brachte als Architektin mit Gender-Studies-Master eine besondere Perspektive ein.

Intersektionalität als Schlüsselkonzept

Ein zentraler Beitrag betraf die Intersektionalitätsforschung. Gabriele Winker und Nina Degele entwickelten die intersektionale Mehrebenenanalyse. Neben Geschlecht, Klasse und „Rasse“ fügten sie Körper hinzu. Darunter fassten sie Alter, Gesundheit und Attraktivität. Zudem analysierten sie auf drei Ebenen. Die Strukturebene umfasste gesellschaftliche Verhältnisse und Institutionen. Symbolische Repräsentationen und individuelle Identitätskonstruktionen ergänzten die Analyse. Erst die Verknüpfung aller Ebenen machte Wechselwirkungen sichtbar.

Intersektionalität als Schlüsselkonzept

Dieses Konzept ging auf Kimberlé Crenshaws Begriff „Intersectionality“ zurück. Die amerikanische Juristin hatte ihn in den 1990er Jahren geprägt. Er bezeichnete die Verwobenheit verschiedener Differenzkategorien. Winker und Degele entwickelten daraus ein empirisches Forschungswerkzeug. Kathrin Schrader nutzte es für ihre Arbeit zu Sexarbeit. Darüber hinaus verortete sie Rosa Luxemburg als Wegbereiterin intersektionalen Denkens. Das Konzept stieß auf breites Interesse in der Geschlechterforschung.

Arbeit, Care und Sexarbeit

Der Arbeitsbegriff des Instituts war bewusst weit gefasst. Er umfasste Erwerbsarbeit ebenso wie unbezahlte Sorgearbeit. Gabriele Winker entwickelte dazu das Konzept der Care Revolution. Sie analysierte eine tiefgreifende Krise sozialer Reproduktion. Im neoliberalen System sollten alle Personen in Vollzeit arbeiten. Gleichzeitig mussten sie immer mehr Sorgearbeit übernehmen. Besonders Frauen waren von dieser Doppelbelastung betroffen. Winker kritisierte auch den Koalitionsvertrag von CDU und SPD. Care-Arbeit kam darin kaum vor. Dabei umfasste sie mehr als das Doppelte aller anderen wirtschaftlichen Aktivitäten.

Feministisches Institut Hamburg: Arbeit, Care und Sexarbeit

2014 organisierte das Institut mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung die Aktionskonferenz Care Revolution. Rund 500 Menschen kamen dafür nach Berlin. Daraus entstand ein dauerhaftes bundesweites Netzwerk. Daneben durchzog das Thema Sexarbeit die Institutsarbeit. Kathrin Schrader erforschte die Situation drogengebrauchender Sexarbeiterinnen. 2015 wandten sich das Institut und der AK Reproduktion gegen ein Prostitutionsverbot. Ein solches Verbot verschlechtere die Lage vieler Frauen. Zudem untergrabe es feministische Erfolge. Schrader vertrat 2016 auf einem Kongress fünf zentrale Thesen. Sexarbeit sei feministisch, aber Feminismus manchmal paternalistisch. Außerdem sei Sexarbeit ein Teil von Carearbeit. Die Bezeichnung als „Zwang“ nannte sie zutiefst unfeministisch.

Gewalt, Sexismus und Antifeminismus

Sexualisierte Gewalt analysierte das Institut als Ausdruck von Machtverhältnissen. Dabei durfte die Analyse nicht bei individuellen Taten stehenbleiben. Vielmehr sollten strukturelle Herrschaftsverhältnisse in den Blick kommen. Im Juli 2013 organisierte es den Kongress „smash it all_smash sexism“. Dieser fand in der Roten Flora in Hamburg statt. Ein zentrales Ergebnis war klar formuliert. Geschlecht sei ein fragiles Konstrukt. Es werde von Individuen performativ hergestellt. Charlie Kaufhold untersuchte später die vergeschlechtlichte Berichterstattung über Beate Zschäpe. Die Medien interessierten sich mehr für ihr Aussehen als für ihre politische Funktion. Lisa Luckschus und Lars-Arne Raffel analysierten die AfD als homofeindlich und antifeministisch.

Anfang 2016 reagierte das Institut auf die Kölner Silvesternacht. Tina Habermann und Katrin Schmid stellten klar fest. Deutschland habe als Gesamtgesellschaft ein Sexismus- und ein Rassismusproblem. Weder weiße deutsche Männer noch die Polizei seien feministische Bündnispartner. Die Debatte dürfe nicht rassistisch instrumentalisiert werden.

Bildung, Ökonomie und Sozialpolitik

Im Bereich Bildung setzte sich das Institut für Gender und Queer Studies ein. Gabriele Winker kritisierte 2008 die drohende Schließung erfolgreicher Studiengänge. Rund 180 Studierende nutzten die hochschulübergreifenden Programme. Jedes Semester standen bis zu 100 Lehrveranstaltungen zur Verfügung. Trotzdem drohte diesen Programmen das Aus. Queere Kinderbücher und heteronormativitätskritische Filmbildung wurden ebenfalls thematisiert. Melanie Groß und Tanja Carstensen schufen außerdem das Gender@Wiki als Vernetzungsangebot.

Ökonomische Analysen bildeten einen weiteren Schwerpunkt. Winker kritisierte Konjunkturprogramme aus feministischer Sicht. Diese sicherten überwiegend Männerarbeitsplätze in Bau und Energiewirtschaft. Frauenarbeitsplätze blieben dagegen außen vor. Dabei boten Sozial-, Gesundheits- und Bildungsbereiche die meisten Frauenarbeitsplätze. Winker plädierte daher für eine andere Prioritätensetzung. Öffentliche Bildungs- und Sozialangebote müssten ausgebaut werden. Auch Gender-Marketing geriet in die Kritik. Unternehmen reaktivierten biologistische Differenzen zwischen den Geschlechtern. Dabei ignorierten sie Macht- und Herrschaftsverhältnisse.

Sozialpolitisch mischte sich das Institut ebenfalls ein. Es kritisierte das Elterngeld als Instrument sozialer Ungleichheit. Gutverdienende Eltern erhielten deutlich mehr als einkommensschwache Familien. Damit seien Kinder bei der Geburt bereits ungleich viel wert. Die Streichung des Elterngelds für Erwerbslose verschärfe diese Schieflage zusätzlich. Zudem deckte Kathrin Schrader biopolitischen Rassismus in Hamburg-St. Georg auf. Eine Bürgerinitiative verdrängte dort Sexarbeiterinnen unter dem Deckmantel „bunter Vielfalt“.

Interventionen und Wissenstransfer

Das Institut griff aktiv in gesellschaftliche Debatten ein. Von 2007 bis 2009 organisierte es Feministische Werkstätten im Kölibri. Dort trafen sich Interessierte regelmäßig zu feministischen Diskussionen. Diese Werkstätten schufen einen offenen Raum für Austausch und Vernetzung. Online-Statements bildeten zudem das zentrale Publikationsformat. Jährlich erschienen die gesammelten Beiträge als PDF-Reader. Das Team hielt zahlreiche Vorträge an Universitäten und auf Kongressen. Kooperationen mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung und Attac verbreiterten die Reichweite.

Darüber hinaus begleitete das Institut Ladyfeste als queer-feministische Protestkultur. Ellen Jaedicke berichtete über die Frauenrevolution in Rojava. Sarah Held beschrieb „Girl Gangs“ und ihre Street-Art gegen Alltagssexismus. Gabriele Winker verknüpfte 2015 die Care Revolution mit Solidarität für Geflüchtete. Stets verband das Institut theoretische Analyse mit praktischer Intervention.

Feministisches Institut inm Hamburg: das Fazit

Feministisches Institut inm Hamburg: das Fazit Das Feministische Institut Hamburg war ein Pionierprojekt feministischer Wissensproduktion. Über fast ein Jahrzehnt verband es Theorie mit politischer Praxis. Intersektionalität als Mehrebenenanalyse gehört heute zum Standardrepertoire der Geschlechterforschung. Die Care Revolution hat eine bundesweite Bewegung hervorgebracht. Queer-feministische Ökonomiekritik bleibt aktueller denn je. Obwohl das Institut nicht mehr existiert, belegen seine Beiträge eine wichtige Wahrheit. Feministische Wissenschaft kann und muss politisch eingreifen. Genau dafür stand das Feministische Institut Hamburg.

Andre Nowak

Ich bin Redakteur für Gaming, Filme, PC und Internet, Kryptowährungen und seit über 30 Jahren täglich mit Technik und digitalen Medien verbunden. Schon in den Tagen von Vobis und röhrenden Lüftern habe ich Rechner auseinandergebaut und Netzwerkprobleme gelöst. Meine kaufmännische Ausbildung und langjährige Erfahrung in Systembetreuung und Hardwarefragen helfen mir, auch komplexe Themen verständlich zu vermitteln. Besonders faszinieren mich Browsergames, digitale Märkte und Filme mit Tempo und Spannung. Bei Die Mark Online schreibe ich über aktuelle Entwicklungen, technische Hintergründe und Trends, die unsere digitale Welt formen. Ich bleibe neugierig, teste gern neue Tools und spiele mit Begeisterung. Kino & Filme sind für mich keine Ablenkung, sondern Orte zum Eintauchen. Mein Ziel ist es, Wissen greifbar zu machen und mit echtem Interesse zu teilen.

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