Winterreifen vs. Ganzjahresreifen: Anleitung & Checkliste (Sicherheit, Kosten, Mythen)
Die Wahl der richtigen Bereifung gehört zu den wichtigsten Sicherheitsentscheidungen für Autofahrer. Jedes Jahr stehen Millionen Fahrzeughalter vor der Frage: Soll ich zweimal jährlich zwischen Sommer- und Winterreifen wechseln oder auf Ganzjahresreifen setzen? Diese Entscheidung hat direkte Auswirkungen auf Fahrsicherheit, Geldbeutel und Komfort. Während in Deutschland eine situative Winterreifenpflicht gilt, müssen Autofahrer bei winterlichen Straßenverhältnissen entsprechend ausgerüstet sein.
Die Popularität von Ganzjahresreifen steigt kontinuierlich. Laut Branchenberichten entschieden sich 2019 bereits 20 Prozent aller Reifenkäufer für Allwetterreifen, Tendenz weiter steigend. Moderne Ganzjahresreifen versprechen ganzjährige Sicherheit ohne lästigen Reifenwechsel. Doch halten diese Allrounder wirklich, was sie versprechen? Aktuelle Tests von ADAC, Auto Zeitung und AvD aus den Jahren 2024 und 2025 liefern überraschende Erkenntnisse über Performance, Kosten und Alltagstauglichkeit beider Reifentypen.
Technische Unterschiede zwischen Winter- und Ganzjahresreifen
Winterreifen basieren auf einer speziellen Gummimischung, die auch bei Temperaturen unter sieben Grad Celsius elastisch bleibt. Ihre Lauffläche verfügt über zahlreiche feine Lamellen – schmale Einschnitte, die sich bei Kontakt mit Schnee und Eis verzahnen. Diese Griffkanten sorgen für optimale Traktion auf glatten Oberflächen. Das Profil besitzt breite Rillen zur Wasserableitung, wodurch Winterreifen auch bei Nässe und Schneematsch guten Halt bieten. Die weiche Gummimischung verschleißt allerdings bei hohen Temperaturen schneller, was ihren Einsatz im Sommer unwirtschaftlich macht.
Ganzjahresreifen kombinieren Elemente beider Spezialisten. Ihre Gummimischung liegt härtetechnisch zwischen Sommer- und Winterreifen, was einen Kompromiss für alle Jahreszeiten darstellt. Optisch zeigen sie sowohl ausgeprägte Längsrillen wie Sommerreifen als auch Lamellen wie Winterreifen. Die Anzahl der Lamellen fällt jedoch geringer aus als bei reinen Winterspezialisten, dafür weisen die Profilblöcke mehr Stabilität auf. Diese Konstruktion ermöglicht akzeptable Leistungen bei gemäßigten Winterbedingungen, ohne dass die Sommereigenschaften zu stark leiden. Allerdings erreichen Allwetterreifen weder die Winterperformance noch die Sommerfahreigenschaften der jeweiligen Spezialisten.
Sicherheitsaspekte im direkten Vergleich
Aktuelle Testergebnisse zeigen deutliche Unterschiede in sicherheitsrelevanten Disziplinen. Bei Schneetests 2024/2025 der Auto Zeitung demonstrierten die besten Ganzjahresreifen wie Continental AllSeasonContact 2 und Goodyear Vector 4Seasons Gen-3 beeindruckende Leistungen. Der Continental erreichte sogar bessere Schneegrip-Werte als einige Winterreifen. Dennoch bleiben Winterspezialisten bei extremen Bedingungen überlegen. Bei Bremstests auf Schnee von 100 auf null km/h stoppten Winterreifen durchschnittlich ein bis zwei Meter früher als Ganzjahresmodelle. Auf Eis zeigten Premiumwinterreifen von Michelin und Pirelli die kürzesten Bremswege, während Ganzjahresreifen spürbar längere Strecken benötigten.
Interessanterweise kehrt sich das Bild bei nassen Straßenbedingungen teils um. Der ADAC-Test 2025 ergab, dass mehrere Ganzjahresreifen auf nasser Fahrbahn kürzere Bremswege aufwiesen als manche Winterreifen. Bei trockenen Bedingungen punkteten Allwetterreifen ebenfalls mit besserer Performance. Winterreifen zeigten hier längere Bremswege und schwammigeres Fahrverhalten. Tests belegen einen bis zu 20 Prozent längeren Bremsweg von Winterreifen im Sommer bei Tempo 100 auf trockener Fahrbahn. Die Laufleistung unterscheidet sich ebenfalls: Während Winterreifen bei sachgemäßer Nutzung etwa sechs Jahre halten, müssen Ganzjahresreifen nach durchschnittlich drei Jahren ersetzt werden, da sie das ganze Jahr gefahren werden.
Kostenanalyse: Was ist wirtschaftlich günstiger?

Bei genauerer Betrachtung relativiert sich der scheinbare Kostenvorteil der Ganzjahresreifen jedoch. Ihre Laufleistung liegt laut Bundesverband Reifenhandel bis zu 30 Prozent unter der kombinierten Leistung von Sommer- und Winterreifen. Während hochwertige Sommerreifen bis zu 50.000 Kilometer schaffen und Winterreifen bei halbem Jahreseinsatz entsprechend lange halten, erreichen Ganzjahresreifen oft nur 40.000 bis 45.000 Kilometer. Wer jährlich 15.000 Kilometer fährt, muss Ganzjahresreifen etwa alle drei Jahre komplett ersetzen. Bei Saisonreifen verteilt sich der Verschleiß gleichmäßiger, wodurch beide Sätze länger nutzbar bleiben. Für Vielfahrer mit mehr als 20.000 Kilometern jährlich können die häufigeren Neuanschaffungen die eingesparten Wechselkosten aufwiegen oder sogar übersteigen.
Häufige Mythen und Irrtümer aufgeklärt
Die Faustregel „von O bis O“ – also von Oktober bis Ostern – hält sich hartnäckig im Volksmund. Tatsächlich existiert in Deutschland jedoch keine termingebundene Winterreifenpflicht. Die Straßenverkehrsordnung schreibt lediglich vor, dass bei winterlichen Straßenverhältnissen wie Glatteis, Schneeglätte oder Schneematsch geeignete Reifen montiert sein müssen. An sonnigen Wintertagen mit trockenen Straßen dürfte man rein rechtlich mit Sommerreifen fahren. Experten empfehlen dennoch den Wechsel auf Winterreifen, sobald die Temperaturen dauerhaft unter sieben Grad sinken, da dann die Gummimischung von Sommerreifen verhärtet.
Ein weiterer verbreiteter Irrtum betrifft die M+S-Kennzeichnung. Viele Autofahrer glauben, das Kürzel für „Matsch und Schnee“ garantiere Wintertauglichkeit. Da das Symbol rechtlich nicht geschützt ist, kennzeichnen zahlreiche Hersteller damit auch ungeeignete Reifen. Seit Januar 2018 müssen echte Winterreifen zusätzlich das Alpine-Symbol tragen – eine Schneeflocke im dreizackigen Bergpiktogramm. Nur diese Kennzeichnung bestätigt, dass der Reifen einen standardisierten Test bestanden hat. Seit Oktober 2024 sind ausschließlich Reifen mit Alpine-Symbol als wintergeeignet anerkannt. Die alte Übergangsregelung für M+S-Reifen ist ausgelaufen. Bei der Mindestprofiltiefe gilt zwar gesetzlich 1,6 Millimeter, doch Fachleute raten dringend zu mindestens vier Millimetern bei Winterreifen, damit die Lamellen ihre volle Wirkung entfalten können.
Entscheidungshilfe: Für wen eignet sich welcher Reifentyp?
Ganzjahresreifen empfehlen sich besonders für Autofahrer in Regionen mit milden Wintern und seltenen Schneefällen. In Großstädten und Ballungsgebieten, wo Straßen regelmäßig geräumt werden, bieten moderne Allwetterreifen ausreichende Sicherheit. Wenigfahrer mit unter 10.000 Kilometern jährlich profitieren vom Wegfall der Wechseltermine. Besitzer von Klein- und Kompaktwagen mit moderater Motorisierung kommen ebenfalls gut mit Ganzjahresreifen zurecht. Wer sein Fahrzeug bei extremen Wetterbedingungen ohnehin stehen lässt, findet in ihnen eine praktische Lösung. Wichtig bleibt allerdings, dass auch beste Ganzjahresreifen Kompromisse eingehen – sie performen in keiner Saison optimal.

Winterreifen bleiben die erste Wahl für alle, die in Bergregionen oder schneereichen Gebieten leben. Vielfahrer mit mehr als 20.000 Kilometern pro Jahr profitieren von der höheren Gesamtlaufleistung durch saisonalen Wechsel. Fahrer sportlicher Fahrzeuge oder leistungsstarker Limousinen sollten auf Spezialreifen setzen, da nur diese die optimale Performance ermöglichen. Wer häufig Passstraßen befährt oder regelmäßig zum Skiurlaub in alpine Regionen reist, kommt um Winterreifen nicht herum. Eine Checkliste hilft bei der Entscheidung: Wie viele Tage mit Schnee gibt es in Ihrer Region? Fahren Sie mehr als 15.000 Kilometer jährlich? Benötigen Sie höchste Sicherheitsreserven? Ist Ihr Fahrzeug leistungsstark? Bei mehreren „Ja“-Antworten sprechen die Fakten für den saisonalen Wechsel.
Fazit zum Vergleich zwischen Winterreifen und Ganzjahresreifen

Winterreifen bleiben jedoch bei extremen Wetterverhältnissen, hohen Fahrleistungen und in Bergregionen die sicherere und wirtschaftlich oft sinnvollere Wahl, da ihre höhere Laufleistung die Wechselkosten relativiert. Wichtig ist: Unabhängig von der Wahl sollten Autofahrer auf Premiumqualität achten, die Profiltiefe regelmäßig kontrollieren und das Alpine-Symbol als Mindeststandard betrachten – denn Sicherheit beginnt dort, wo das Fahrzeug die Straße berührt.