Smartwatch-Kauf: Welche Gesundheitsfunktionen wirklich relevant sind
Smartwatches sind längst mehr als modische Accessoires mit Schrittzähler. Aktuelle Modelle messen Herzrhythmen, analysieren den Schlaf und warnen vor möglichen Herzrhythmusstörungen – alles direkt am Handgelenk. Der Markt präsentiert sich dabei so unübersichtlich wie nie.
Dutzende Hersteller versprechen medizinische Präzision, nicht alle halten dieses Versprechen. Vor dem Kauf stellt sich eine entscheidende Frage: Welche Gesundheitsfunktionen bringen tatsächlich etwas – und welche sind letztlich teuer bezahlte Gimmicks?
Herzfrequenzmessung: Das Fundament jeder Gesundheitsuhr
Die kontinuierliche Herzfrequenzmessung gehört heute zum Standard nahezu jeder Smartwatch. Per Photoplethysmographie (PPG) schicken grüne oder rote LEDs Licht durch die Haut und messen den Blutfluss. Daraus errechnet die Uhr den Puls – und das in Echtzeit, rund um die Uhr. Die Zuverlässigkeit dieser Methode liegt laut Herzstiftung bei über 90 Prozent, sofern die Uhr eng am Handgelenk sitzt und die Sensoren sauber sind.
Praktisch nützlich ist die Herzfrequenzmessung vor allem beim Sport: Wer seine Belastungszonen kennt, trainiert effizienter und vermeidet Überanstrengung. Beim Erkennen von Ruhepuls-Anomalien kann die Funktion außerdem frühzeitig auf Erschöpfung, beginnende Erkrankungen oder Erholungsdefizite hinweisen. Auch für Menschen mit bekannten Herzproblemen ist eine dauerhafte Überwachung des Pulses ein echter Mehrwert.
EKG-Funktion: Wenn die Uhr zum Diagnosewerkzeug wird
Ein Elektrokardiogramm per Smartwatch aufzuzeichnen – das klingt noch immer nach Zukunft, ist aber Realität. Hersteller wie Apple, Samsung und Withings bieten EKG-Funktionen an, die als Medizinprodukte zertifiziert sind und Vorhofflimmern erkennen können. Laut Deutscher Gesellschaft für Kardiologie erreichen Smartwatch-EKGs eine Übereinstimmung von bis zu 95 Prozent mit ärztlichen Messungen bei der Vorhofflimmern-Erkennung. Für die Messung reicht es, mit einem Finger der anderen Hand den Sensor am Uhrenrand zu berühren – der Vorgang dauert rund 30 Sekunden.
Nicht jede Uhr, die mit dem Begriff „EKG“ wirbt, hält medizinischen Standards stand. Wer diese Funktion gezielt sucht, sollte auf eine CE-Zertifizierung als Medizinprodukt achten. Besonders sinnvoll ist das EKG-Feature für Menschen über 50, bei familiärer Herzvorbelastung oder bekannten Rhythmusstörungen. Die Ergebnisse ersetzen keinen Arzttermin – sie liefern aber Daten, die der Kardiologe direkt verwerten kann.
Schlafanalyse: Nützlicher Hinweisgeber mit Grenzen
Schlaftracking gehört zu den beliebtesten Gesundheitsfunktionen moderner Smartwatches. Die Uhr erfasst Bewegungen, Herzfrequenz und bei fortgeschrittenen Modellen auch die Sauerstoffsättigung sowie die Hauttemperatur. Aus diesen Daten berechnet ein Algorithmus Schlafphasen – Leichtschlaf, Tiefschlaf, REM – und gibt Hinweise auf die Erholungsqualität. Manche Modelle, darunter die Apple Watch Series 10 und die Withings ScanWatch 2, können sogar Anzeichen einer Schlafapnoe erkennen.

Die Algorithmen arbeiten überraschend gut, aber nicht mit der Präzision eines Schlaflabors. Dort liefert ein EEG exakte Gehirnwellenaufzeichnungen – das ist per Handgelenkuhr schlicht nicht möglich. Als Hinweisgeber und Langzeitbeobachtung ist Schlaf-Tracking trotzdem wertvoll: Wer über Wochen konstant schlechte Werte sieht, hat einen konkreten Anlass, einen Arzt aufzusuchen. Bei ernsthaften Schlafproblemen bleibt das Schlaflabor der Goldstandard.
Sauerstoffsättigung (SpO2): Orientierung statt Diagnose
Die SpO2-Messung zeigt den Sauerstoffgehalt im Blut und ist inzwischen auf fast allen aktuellen Smartwatches zu finden. Gesunde Menschen haben Werte zwischen 95 und 98 Prozent; starke nächtliche Abfälle können auf Atemaussetzer hinweisen. Studien zeigen gemischte Ergebnisse zur Messgenauigkeit: Premium-Modelle wie die Apple Watch weichen laut einer 2023 in PLOS Digital Health veröffentlichten Studie im Schnitt rund 2 Prozent vom Referenzgerät ab, preisgünstigere Alternativen können bis zu 5 Prozent daneben liegen.
Für Menschen mit Lungenerkrankungen, COPD oder dem Verdacht auf Schlafapnoe ist die SpO2-Funktion ein nützlicher Begleiter. Für gesunde Nutzer ohne entsprechende Risikofaktoren bleibt der praktische Nutzen überschaubar – ein deutlich zu niedriger Wert würde sich körperlich durch Atemnot bemerkbar machen, lange bevor die Uhr warnt. Wer die Messung nutzt, sollte die Werte nicht überinterpretieren und im Zweifel immer einen Arzt hinzuziehen.
Stressmessung und Herzfrequenzvariabilität: Der Blick ins Nervensystem
Neuere Smartwatches messen die Herzfrequenzvariabilität (HRV) – also die Schwankungen im zeitlichen Abstand zwischen zwei Herzschlägen. Eine hohe HRV gilt als Zeichen eines gut regulierten, erholten Nervensystems; niedrige Werte können auf Stress, Erschöpfung oder Erkrankungen hinweisen. Modelle wie die Withings ScanWatch 2 nutzen den nächtlichen HRV-Wert als Grundlage für einen „Vitalitätsindex“, der die Tagesform einschätzt. Die Funktion ist besonders für Menschen interessant, die ihre Erholung systematisch im Blick behalten möchten.

Stressmessung per Smartwatch basiert häufig auf Hautwiderstand und Herzfrequenzverlauf – die Samsung Galaxy Watch setzt hier auf den sogenannten BioActive-Sensor. Die Aussagekraft ist aber variabel: Körperliche Belastung und emotionaler Stress erzeugen ähnliche physiologische Signale, was die Interpretation erschwert. Als grober Orientierungswert für die persönliche Erholungssteuerung ist HRV-Tracking sinnvoll, als medizinisches Diagnosewerkzeug aber noch nicht geeignet.
Blutdruckmessung: Vielversprechend, aber noch nicht ausgereift
Eine Blutdruckmessung ohne Manschette – das ist der heilige Gral der Smartwatch-Gesundheitsfunktionen. Einige Modelle werben damit, darunter die Samsung Galaxy Watch und die Huawei Watch D2. Letztere ist laut aktuellen Tests die einzige Uhr in ihrer Klasse, die den Blutdruck ganz ohne Kalibrierung messen kann. Alle anderen Modelle erfordern vor der ersten Nutzung eine manuelle Kalibrierung mit einem klassischen Blutdruckmessgerät – und verlieren ihre Genauigkeit, sobald sich der Gefäßtonus verändert.
Die Stiftung Warentest hat die Blutdruckmessung der Samsung Galaxy Watch 7 geprüft – das Ergebnis überzeugte nicht. Für Menschen mit Bluthochdruck oder kardiovaskulärem Risiko empfiehlt sich daher weiterhin ein klassisches Oberarm-Blutdruckmessgerät. Die Smartwatch-Variante kann als ergänzender Trend-Indikator dienen, ersetzt aber keine verlässliche Diagnose. Es bleibt zu erwarten, dass diese Funktion in den kommenden Jahren deutlich präziser wird.
Fazit zum Smartwatch-Kauf mit Gesundheitsfunktionen

SpO2-Messung und Blutdrucktracking sind interessante Ergänzungen, aber noch kein Ersatz für medizinische Geräte. Wer eine Smartwatch primär wegen der Gesundheitsfunktionen kauft, sollte auf medizinische Zertifizierungen achten – und nicht jedem Marketing-Versprechen vertrauen.