Rückblick auf das Filmfest Wismar und Kinderfilmfest Wismar 2012
Ein Wochenende, drei Tage, eine Hansestadt voller Filmbegeisterung: Vom 12. bis 14. Oktober 2012 öffnete das 6. Filmfest Wismar zum wiederholten Mal seine Türen und verwandelte die UNESCO-Welterbestadt an der Ostseeküste Mecklenburg-Vorpommerns in einen lebendigen Treffpunkt für Filmschaffende, Cineasten und Neugierige. Das überregionale Fest, speziell für den Film und das Kino in Mecklenburg-Vorpommern, begeisterte in diesem Jahr mehr als 1.200 Besucher – ein Zuschauerrekord. Gleichzeitig fand mit dem 4. Kinderfilmfest Wismar ein besonderes Parallelformat statt, das die jüngste Generation von Filmschaffenden ins Rampenlicht rückte. Wer glaubt, ein regionales Filmfest könne keine großen Geschichten erzählen, wurde in Wismar eines Besseren belehrt.
Ein Festival mit klarem Profil
Vom 12. bis 14. Oktober wurde Wismar für ein Wochenende wieder zur Filmstadt, mit vielen besonderen Filmen aus, über und für Mecklenburg-Vorpommern. Das Motto des Filmfestes war dabei so präzise wie programmatisch: „Filme aus, über und für Mecklenburg-Vorpommern – brandneu, historisch, immer wieder sehenswert.“ Das Filmbüro MV, das als Träger der Kulturellen Filmförderung des Landes fungiert und das Festival seit seinen Anfängen organisiert, schuf damit eine Plattform, die nirgendwo sonst im Land in dieser Form existierte. Das Filmfest Wismar machte die Förderung jährlich und geballt sichtbar, präsentierte die Macherinnen und Macher der Öffentlichkeit und brachte Filme auf die große Leinwand – und das Beste daran war die persönliche Begegnung zwischen Filmemachern und ihrem Publikum, der Austausch von Argumenten und Meinungen auf Augenhöhe.
Im Jahr 2012, in dem Wismar gemeinsam mit Stralsund zehn Jahre UNESCO-Welterbe feierte, wurde auch der Tatsache gedacht, dass einst in Wismar der weltbekannte Stummfilmklassiker „Nosferatu“ gedreht wurde – wer durch das Wassertor am Hafen geht, wird noch heute mit einer in den Boden eingelassenen Platte daran erinnert. Dieses historische Bewusstsein prägte die Festivalatmosphäre auf ganz besondere Weise und unterstrich, wie tief die filmische Tradition in der Hansestadt verwurzelt ist.
Die Eröffnung: Ein Film als politisches Statement
Das 6. Filmfest Wismar eröffnete mit dem durch die Kulturelle Filmförderung MV geförderten Film „Unter Männern – Schwul in der DDR“ von Ringo Rösener und Markus Stein, einer erfolgreichen Hoferichter & Jacobs Produktion aus Greifswald, die in jenem Jahr ihre Weltaufführung bei den 62. Berliner Filmfestspielen gefeiert hatte. Damit setzte das Filmfest von Beginn an ein klares Zeichen: Hier wurden keine Gefälligkeitsproduktionen gezeigt, sondern Filme mit Haltung und Relevanz. Die feierliche Eröffnung am Freitagabend wurde gemeinsam mit dem Wismarer Bürgermeister Thomas Beyer und der Künstlerischen Leiterin Sabine Matthiesen begangen.
Dem Eröffnungsfilm vorangestellt war ein Beitrag aus der beliebten Wismarer Filmreihe „Wismar im Spiegel der Zeit“ zur Arbeit auf der Werft im Jahr 1961. Schon in diesem kurzen Vorprogramm deutete sich an, worum es dem Filmfest im Kern ging: um die Vergangenheit und Gegenwart eines Landes, das seine Geschichte nicht verdrängt, sondern auf der Leinwand sichtbar macht und zur Diskussion stellt.
Das Programm: Vielfalt auf engstem Raum
Das Programm des 6. Filmfestes zeigte eine große filmische Vielfalt – neben den ganz jungen Nachwuchsfilmern stellten auch die erfahrenen Regisseure ihre Filme persönlich dem Publikum vor. Am Samstag begeisterten unter anderem „Die Offak Story“, „Das Souper um Mitternacht“ mit Live-Musik von John R. Carlson, Filme der Rostocker Schule, „Tall Girls“, „Das Geheimnis der Zugvögel“, „Bingo“, „Die verbotene Halbinsel Wustrow“ sowie großartige Kurzfilme wie „Der Besuch“ und die zwei prämierten „Klappe gegen Rechts“-Beiträge der Medienwerkstatt Wismar. Dabei sorgte insbesondere „Bingo – Toletzt entscheed jümmer dat Glück“ für ein seltenes Kinoerlebnis: Der Film war auf Plattdeutsch mit deutschen Untertiteln – ein Vergnügen auf der großen Leinwand, das in dieser Form kaum anderswo zu erleben war.

Ein besonderes Highlight des Sonntagsprogramms bildete die Welturaufführung des Dokumentarfilms „Die Werft ist besetzt – der Werften-Poker in Wismar 1992″. Der Film war seinerzeit von der IG Metall in Auftrag gegeben worden und hatte die dramatischen Ereignisse vor 20 Jahren im Bild festgehalten, ohne je öffentlich gezeigt worden zu sein. Erwartet wurden dazu Gäste wie Thomas Rickert von der IG Metall Lübeck-Wismar, Eckhart Scholz als damaliger Vertreter sowie Frank Teichmüller, der ehemalige langjährige Bezirksleiter der IG Metall Küste. Diese Welturaufführung, 20 Jahre nach den Ereignissen, verlieh dem Festival eine historische Dimension, die über den reinen Festivalcharakter weit hinausging.
Kunst trifft Kino: Das kulturelle Rahmenprogramm
Das Filmfest Wismar verstand sich stets als mehr als eine reine Filmschau. Am Vorabend des eigentlichen Filmfestes, am 11. Oktober, lud das Filmbüro MV zu einer Podiumsdiskussion zum Thema „Vernetzungs- und Vermarktungsstrategien für die Kreativwirtschaft Mecklenburg-Vorpommerns“ ein, bei der Frank Lemloh, der Ansprechpartner des Kompetenzzentrums Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes für MV, mit Akteuren, Branchenexperten und der Politik wichtige Fragen zur Stärkung dieser Zukunftsbranche diskutierte.
Darüber hinaus bereicherten bildende Kunst und Literatur das Festivalgeschehen. Der Maßlower Künstler Hans W. Scheibner stellte im Kino-Bistro, Foyer und Kinosaal Skulpturen, Puppen, Gemälde und Bilder aus. Zudem überraschte die Rostocker Lyrikerin Daniela Boltres das Publikum mit ihrer Kunst-Installation „Wer versteht das schon?“ im Garten des Filmbüros – eine Installation, die an die Graffitis syrischer Jugendlicher aus dem Arabischen Frühling erinnerte und damit einen beklemmend aktuellen Zeitbezug herstellte.
Zusätzlich präsentierte das Begleitprogramm „SCHAUfenster MV“ kostenlos und im Freien weitere Filme aus dem Land: in den Schaufenstern von Funkhaus Küchenmeister in Wismar, in der Friedrichstraße 15 in Schwerin sowie mit einem historischen Programm in der Stadtbibliothek Wismar im Zeughaus.
| Datum | Programmpunkt | Beteiligte / Ort | Kategorie |
|---|---|---|---|
| Do, 11.10.2012 | Podiumsdiskussion „Vernetzungs- und Vermarktungsstrategien für die Kreativwirtschaft MV“ | Frank Lemloh (Kompetenzzentrum Kultur- & Kreativwirtschaft), Branchenexperten, Politik – Kino im Filmbüro | Diskussion |
| Mo, 08.10.2012 | Vernissage – Ausstellung mit Skulpturen, Puppen, Gemälden und Bildern | Hans W. Scheibner (Künstler, Maßlow) – Kino-Bistro, Foyer und Kinosaal | Bildende Kunst |
| 08.10. – 08.12.2012 | Dauerausstellung wechselnder Werke von Hans W. Scheibner | Hans W. Scheibner – Kino im Filmbüro | Bildende Kunst |
| Fr, 12.10.2012 | Eröffnung Kunst-Installation „Wer versteht das schon?“ | Daniela Boltres (Lyrikerin, Rostock) – Garten des Filmbüros | Installation / Literatur |
| 12.–14.10.2012 | SCHAUfenster MV – Kostenfreies Filmprogramm im Freien | Funkhaus Küchenmeister Wismar / Friedrichstraße 15 Schwerin / Stadtbibliothek Wismar im Zeughaus | Filmprogramm |
| Sa, 13.10.2012 | Live-Musikbegleitung zu „Das Souper um Mitternacht“ | John R. Carlson (Musiker) – Kino im Filmbüro | Musik / Film |
| Sa, 13.10.2012 | Buchpräsentation – Plattdeutsche Literatur und Hörspiele | Buchhandlung Peplau, Krämerstraße 23 – Festivalgelände | Literatur |
| Quelle: Filmbüro MV / Programmheft 6. Filmfest Wismar 2012 | |||
Das Kinderfilmfest: Eine Bühne für die Jüngsten
Traditionell startete das Wismarer Filmfest am Freitagmorgen mit seinem Kinderfilmfest. In diesem Jahr ermunterte das Filmbüro die jüngsten Filmemacher des Landes zur Einreichung ihrer Werke – 35 Einreichungen folgten von überall aus dem Land, und die kleinen Macher und Macherinnen kamen, präsentierten ihre Werke und sahen sie zum ersten Mal auf der großen Leinwand. Ein Novum in Mecklenburg-Vorpommern – und schon damals ein fester Termin im Kalender von Kindern, Schulen und Medienwerkstätten.
Das Kinderfilmfest widmete sich der Förderung kultureller Bildung für Kinder und Jugendliche bis 12 Jahren im Bereich des Filmemachens, wobei bewusst auf einen Wettbewerb verzichtet wurde. Den Kindern wurde eine Präsentationsplattform in einem Kinosaal vor Publikum geboten und die Möglichkeit, sich unter Festivalbedingungen auszutauschen und zu vernetzen. Zugleich war die erfahrene Kinderfilmregisseurin Halina Dyrschka zu Gast, deren Film „Neuneinhalbs Abschied“ bereits international für Furore gesorgt hatte, und stand den Nachwuchsfilmern für alle Fragen zur Verfügung.
Eine besondere Anerkennung erhielt der Trickfilm „Der Untergang der Titanic“ des damals zehnjährigen Vincent Zipp aus Velgast auf Rügen, der die Geschichte der Titanic auf vier Minuten komprimiert und mit seinen Teddys und Plüschfiguren umgesetzt hatte – und damit zugleich zum Lieblingsfilm des Publikums beim Kinderfilmfest wurde.
Fazit zum Kinderfilmfest und Filmfest Wismar 2012
