Kurztrip Kopenhagen: 48 Stunden ohne Touristenstress
Kopenhagen gilt als eine der lebenswertesten Städte der Welt. Trotzdem sehen die meisten Reisenden nur einen Bruchteil davon. Nyhavn mit seinen bunten Fassaden, die kleine Bronzestatue am Hafenufer, der obligatorische Ausflug zum Tivoli. Diese Klassiker stehen in jedem Reiseführer und locken Jahr für Jahr Scharen von Besuchern an dieselben Orte. Wer nur 48 Stunden Zeit hat, könnte versucht sein, all das abzuhaken. Doch genau das wäre der falsche Ansatz.
Eine Stadt wie Kopenhagen erschließt sich nicht über Sehenswürdigkeitslisten. Sie erschließt sich über Straßen, die man erst um die zweite Ecke biegt. Typisch sind auch Bäckereien, in denen morgens die Zimtschnecken noch warm sind. Dazu kommen Viertel, in denen Einheimische ihren Kaffee im Stehen trinken und danach aufs Rad steigen.
Per Rad wie ein Einheimischer – die Stadt vom Sattel aus
Kopenhagen ist eine der fahrradfreundlichsten Städte der Welt. Das ist keine Marketingfloskel, sondern gelebte Realität. Laut aktuellen Zahlen legen die Kopenhagener täglich 1,27 Millionen Kilometer mit dem Rad zurück. Im Innenstadtverkehr pendeln 63 Prozent der Bevölkerung auf zwei Rädern. Das gesamte Streckennetz umfasst über 400 Kilometer eigens angelegte Radwege. Dieses sind oft durch Bordsteine vom Autoverkehr getrennt. Wer sich ein Leihrad besorgt, gehört vom ersten Moment an zur Stadt – und nicht zur Touristengruppe daneben.
Besonders lohnt sich die Hafenrunde auf dem sogenannten Havneringen. Dies ist eine etwa 13 Kilometer lange, autofreie Strecke entlang der Wasserfront. Unterwegs kreuzt man mehrere der architektonisch bemerkenswerten Radbrücken: die geschwungene Lille Langebro, die drehbare Bryggebroen und die von einem dänisch-isländischen Künstler entworfene Cirkelbroen. Ein Mietstädtchen auf Rädern ist Kopenhagen ohnehin – und das Fahrrad ist der einzige Schlüssel, der wirklich passt.
Nørrebro: Das lebendige Herz abseits der Postkarten
Nørrebro ist eines der buntesten und eigenwilligsten Viertel der Stadt. Hier reihen sich dänische Bäckereien neben syrischen Mezze-Restaurants, Naturweinbars liegen nur wenige Schritte von traditionellen Falafelständen entfernt, und auf der Jægersborggade tummeln sich kleine Butiken, unabhängige Designläden und Cafés mit handverlesenen Kaffeebohnen und Kaffee Spezialitäten. Das Viertel lebt von einer Energie, die man in der Innenstadt vergeblich sucht. Wer morgens früh durch den Assistens Kirkegård spaziert – jenen weitläufigen Friedhof, auf dem auch Hans Christian Andersen begraben liegt, erlebt Kopenhagen von seiner stillen Seite.
Abends füllen sich die Straßen rund um Sankt Hans Torv mit Menschen, die nach Feierabend auf ein Glas Wein zusammenkommen. Lokale wie das Vinhanen oder Røder & Vin stehen exemplarisch für einen Trend, der in Nørrebro besonders ausgeprägt ist: Weinbars ohne Überheblichkeit, in denen man lange sitzen bleibt. Im Ramen-Lokal Slurp auf der gleichen Straße empfehlen sich nur drei SuppenVarianten und keine Reservierungen – wer ankommt, wartet. Der Aufwand lohnt sich.
Frühstück, Smørrebrød und Straßenimbiss – kulinarisch durch den Tag
Der Morgen beginnt am besten in einer der stadtbekannten Bäckereien. Bageriet Brød in Vesterbro bäckt hervorragendes Sauerteigbrot, Focaccia und die klassischen dänischen Zimtschnecken, die man am Gehsteig direkt essen kann. Hart Bageri in Frederiksberg, gegründet vom ehemaligen Noma-Bäcker Richard Hart, backt mehrmals täglich frisches Brot – früh erscheinen lohnt sich. Alternativ führt der Weg in die Torvehallerne, zwei Markthallen nahe der Metrostation Nørreport: Der Stand von Grød serviert dort köstliches Porridge mit frischen Toppings, The Coffee Collective gilt als eine der besten Kafferöstereien der Stadt.

Mittags empfiehlt sich das klassische Smørrebrød – das dänische Butterbrot. Dieses wird hier in einer Qualität serviert, die weit über das hinausgeht, was man sich darunter vorstellt. Abends funktioniert Kopenhagens Straßenimbisskultur hervorragend als günstigere Alternative zum Restaurant. Johns Hotdog Deli im ehemaligen Meatpacking District in Vesterbro gilt als Geheimtipp: Hier gibt es Hot Dogs mit Qualitätswürstchen vom lokalen Metzger, Duraumbrot und hausgemachten Dips. Preisbewusste kaufen Getränke im Supermarkt und genießen sie auf einer der vielen Treppen oder Brücken – in Dänemark ist Alkohol im öffentlichen Raum erlaubt.
Refshaleøen: Das Kreativviertel auf der ehemaligen Werft
Wer Kopenhagens jüngste Transformation erleben möchte, nimmt die Fähre der Linie 992 vom Hafen oder fährt mit dem Rad etwa eine Viertelstunde bis zur Halbinsel Refshaleøen. Das ehemalige Werftgelände hat sich in einen Hotspot der Kreativszene verwandelt: Streetfood-Markt, Kunstgalerien, Brauereien und Ateliers teilen sich den Raum mit Architekturprojekten und kleinen Unternehmen. Der Streetfood-Markt Reffen nutzt ausrangierte Container als Verkaufsstände und bietet Gerichte aus aller Welt in einer entspannten Hafenkulisse. La Banchina – Teil Café, Teil Weinstube, Teil Sauna – liegt direkt am Wasser und lädt im Sommer zum Baden ein, im Winter zum Aufwärmen mit Holzfeuer.
Refshaleøen ist noch nicht vollständig von Touristenströmen entdeckt worden, obwohl das Viertel schnell wächst. Gerade deshalb lohnt sich ein Besuch jetzt: Die Mischung aus Rohheit und Kreativität, aus Industriecharme und urbaner Gastfreundschaft ist selten. Restaurants wie Noma oder The Alchemist haben sich hier angesiedelt und weltweit Aufmerksamkeit erregt – wer keine Tischreservierung für Jahre im Voraus hat, findet in Reffen und La Banchina trotzdem unvergessliche Mahlzeiten.
Unter der Erde und über den Dächern – zwei überraschende Ausblicke
Im Park Søndermarken in Frederiksberg verbirgt sich hinter einer Glaspyramide einer der ungewöhnlichsten Ausstellungsorte Nordeuropas: die Cisternerne. In den unterirdischen Wasserspeichern, die bis 1981 die Kopenhagener Bevölkerung mit Trinkwasser versorgten, zeigen wechselnde Kunstinstallationen Werke, die speziell für den düsteren, tropfsteinhöhlenartigen Raum konzipiert werden. Die Atmosphäre ist kühl, etwas gruselig und vollkommen anders als alles, was die Stadt oberirdisch bietet. Ein Besuch vor oder nach einem Spaziergang durch den weitläufigen Schlosspark Frederiksberg Have verbindet das Außergewöhnliche mit dem Angenehmen.

Für den Ausblick von oben empfiehlt sich nicht der überlaufene Nyhavn, sondern der Rundetårn – Europas ältestes noch funktionierendes Observatorium mitten in der Fußgängerzone. Der Aufstieg erfolgt über eine 209 Meter lange Spiralrampe ohne eine einzige Stufe, der Eintritt kostet rund acht Euro. Wer es noch unkonventioneller mag, fährt zum Copenhill im Hafenviertel Amager: Auf dem Dach der futuristischen Müllverbrennungsanlage, entworfen vom Architekturbüro BIG, befindet sich der höchste künstliche Freiflächen-Skihügel der Welt – im Sommer auf Kunstrasen, mit Panoramablick über die Ostsee. Auch ohne Ski lohnen sich der Wanderweg und die Kletterwand.
Abends in Vesterbro – Craft-Bier, Atmosphäre und kein Touristenmenü
Vesterbro war einmal das Rotlichtviertel Kopenhagens. Heute ist es das kreativste und gastfreundlichste Viertel der Stadt. Der ehemalige Meatpacking District, auf Dänisch Kødbyen, zieht abends eine Mischung aus Kreativen, Handwerkern und Einheimischen an, die nach einem langen Tag entspannen wollen. Mikkeller, die weltbekannte Mikro-Brauerei, betreibt hier einen kleinen Ausschank mit rund 20 Craft-Bieren vom Fass. Das ist eine Auswahl, die selbst Bierkenner ins Staunen versetzt. Die Pizzeria Mother am Eingang zum Kødbyen backt ihre Pizzen im Holzofen, gegründet von einem Römer und geführt mit dem Anspruch, keine Kompromisse beim Teig zu machen.
Vesterbro funktioniert als Abendprogramm ohne große Planung: Ein Viertel, durch das man schlendern kann, in dem die nächste gute Adresse immer um die Ecke liegt. Die Bageriet Brød am Enghave Plads bleibt bis in den Abend geöffnet und serviert auch nach dem Frühstück noch Leckereien. Wer später noch etwas Lebendiges sucht, findet es auf dem Sønder Boulevard, wo sich die Kopenhagener im Sommer auf Treppenstufen und Bänken versammeln – mit Bier aus dem Kiosk und ohne Konsumzwang. Das ist Hygge in seiner direktesten Form: nicht inszeniert, sondern einfach da.
Fazit zum Kurztrip Kopenhagen ohne Touristenstress
