Wolle, Kaschmir, Seide: Waschen ohne Schaden
Wolle, Kaschmir und Seide bestehen aus Eiweiß, und genau das unterscheidet sie von Baumwolle oder Leinen. Das Keratin der Wollfaser enthält drei bis vier Prozent Schwefel, der überwiegend in der Aminösaure Cystin sitzt. Dieses Cystin vernetzt die Molekülketten quer. Die Disulfidbrücken geben der Faser ihre Rückstellkraft, vertragen Lauge und hohe Temperaturen aber schlecht. Ein Pullover, der nach der Wäsche zwei Konfektionsgrößen kleiner ausfällt, hat keinen Materialfehler. Er hat eine Behandlung erlebt, die seine Faseroberfläche mechanisch ineinander verhakt hat.
Die drei Materialien verlangen unterschiedliche Vorsicht. Wolle und Kaschmir tragen eine dachziegelartige Schuppenschicht, die sich bei Wärme und Feuchtigkeit aufstellt und bei Reibung ineinandergreift. Seide besitzt diese Schuppen nicht und verfilzt deshalb nie, braucht als Eiweißfaser trotzdem ein neutrales Waschmittel. Für Kaschmir gilt ein mittlerer Faserdurchmesser von höchstens 19 Mikrometern als Definitionsgrenze. Merinowolle misst 18 bis 24 Mikrometer, gröbere Rassen wie Crossbred kommen auf 26 bis 34 Mikrometer. Je feiner die Faser, desto schneller quittiert sie eine falsche Behandlung mit Verfilzung und verlorenem Griff.
Schuppenschicht, Kortex und Disulfidbrücken im Detail
Eine Wollfaser ist in Schichten aufgebaut. Außen liegt die Schuppenschicht aus flachen Zellen, die sich wie Dachziegel überlappen und mit ihren freien Kanten zur Faserspitze zeigen. Darunter sitzt der Kortex aus spindelförmigen Zellen, in dem Disulfidbrücken die Keratinketten quer vernetzen. Grobe Schafwollen tragen zusätzlich einen Markkanal, also einen Hohlraum im Faserinneren. Die natürliche Kräuselung macht die Faser dehnbar und elastisch und sorgt für ein sehr gutes Wärmerückhaltevermögen. Wolle nimmt bis zu 35 Prozent ihres Gewichts an Wasser auf, ohne sich feucht anzufühlen.
Seide entsteht aus einem einzigen, sehr langen Kokonfaden und trägt einen anderen Bauplan. Der Faden besteht aus dem Strukturprotein Fibroin und dem umhüllenden Leimstoff Sericin. Sericin macht 25 bis 30 Prozent des Kokongewichts aus und wird beim Entbasten aus der Rohseide ausgewaschen. Weil die Oberfläche keine Schuppen trägt, fehlt der Seide jeder Filzmechanismus. Ihre Eiweißketten vertragen alkalische Waschlaugen und scharfe Mechanik trotzdem schlecht. Seide zählt zu den Filamentfasern und kommt ohne die kurzen Faserenden aus, die bei Wolle für Knötchen sorgen.
Warum Wolle verfilzt und Seide nicht
Verfilzen braucht mehrere Einflüsse zur gleichen Zeit: Wärme, Feuchtigkeit, Druck und Bewegung. Nasse Wolle quillt, die Schuppen stellen sich auf, und die Fasern verhaken sich ineinander. Die Reibung fällt größer aus, wenn eine Faser gegen die Richtung der Schuppen bewegt wird. Bei jeder Trommelumdrehung wandern die Fasern deshalb ein Stück weiter ineinander und ziehen das Gestrick dichter zusammen. Der Vorgang läuft nur in eine Richtung. Eingelaufene Wolle lässt sich nicht zurückdehnen, weil die Verhakung mechanisch entsteht und keine chemische Reaktion ist.
Maschinenwaschbare Wolle umgeht das Problem mit einer Vorbehandlung. Beim Chlor-Hercosett-Verfahren werden die Schuppenkanten chloriert und geätzt, danach kommt ein dünner Film aus Polyamid-Epichlorhydrin-Harz auf die Faser. Rund 70 Prozent aller als voll maschinenwaschbar ausgezeichneten Wolle gelten als so behandelt. Das Verfahren verändert den Griff des Gewebes und belastet das Abwasser mit adsorbierbaren organischen Halogenverbindungen. In Industrieländern ist sein Einsatz deshalb eingeschränkt. Feine Fasern verfilzen schneller als grobe, unbehandeltes Kaschmir reagiert daher besonders empfindlich. Das Pflegeetikett verrät, welche der beiden Varianten im Schrank hängt.
pH-Wert und Temperatur als Stellschrauben
Wollwaschmittel sind pH-neutral eingestellt und verzichten auf bestimmte Enzyme, auf Bleichmittel und auf optische Aufheller. Proteasen spalten Eiweiß, und Wolle wie Seide bestehen genau daraus. Ein Vollwaschmittel mit Enzymen greift die Faser also direkt an. Die Waschlauge eines Vollwaschmittels liegt bei pH 10 bis pH 11, lässt die Fasern quellen und hebt die Schuppen an. Wolle ist gut beständig gegen Säuren. Empfindlich reagiert sie auf alkalische Lösungen, Oxidationsmittel, Licht und hohe Temperaturen. Ein neutrales Wollwaschmittel deckt Wolle und Seide gleichermaßen ab.

Temperatur wirkt doppelt. Sie öffnet die Schuppenschicht, und sie beschleunigt jede chemische Reaktion in der Faser. Für die Handwäsche empfiehlt Woolmark lauwarmes Wasser von etwa 30 Grad, das Wollprogramm der Maschine arbeitet meist bei 40 Grad. Gespült wird zuerst lauwarm und zuletzt mit kaltem Wasser. Seide bleibt beim Waschen bei 30 Grad oder kälter. Beim Bügeln ordnet GINETEX Wolle und Seide der mittleren Punktstufe zu, die eine Sohlentemperatur von höchstens 160 Grad erlaubt.
Handwäsche gegen Wollprogramm der Maschine
Handwäsche beginnt vor dem Textil. Das Wollwaschmittel gehört vollständig aufgelöst ins lauwarme Wasser, bevor der Pullover hineinkommt, weil unverdünntes Konzentrat auf der Faser Ränder hinterlässt. Erst dann kommt das auf links gedrehte Teil hinein und weicht etwa zehn Minuten ein, ohne dabei viel bewegt zu werden. Reiben, Kneten und Wringen erzeugen genau die Reibung, die verfilzt. Zum Spülen kommt frisches lauwarmes Wasser ins Becken, der letzte Durchgang läuft kalt. Danach hebt man das Teil flach aus dem Wasser und drückt es vorsichtig aus.
Das Wollprogramm einer Maschine arbeitet nach demselben Prinzip. Die Trommel bewegt die Wäsche sanft und legt viele lange Pausen ein, damit sich das Gestrick nicht an sich selbst reibt. Nach dem Rat der Verbraucherzentrale bleibt die Maschine sonst voll beladen, Woll- und Feinwäsche gehören ausdrücklich nicht dazu. Ein Wäschebeutel oder ein auf links gedrehter Pullover schützt Bündchen und Nähte vor Zug. Fehlt die Wollstufe, ist der kalte Waschgang oder das Feinwaschprogramm die sichere Wahl. Seide und unbehandeltes Kaschmir gehören ohnehin eher ins Handbecken.
Schleuderzahl, Trocknen und Formen
Schleudern ist erlaubt, in engen Grenzen. Das Wollprogramm erreicht statt der sonst üblichen 1400 bis 1600 Umdrehungen je Minute in der Regel nur 600 bis 800. Diese reduzierte Drehzahl zieht einen großen Teil des Wassers heraus, ohne das Gestrick zu quetschen. Von Hand gewaschene Teile werden nur vorsichtig ausgedrückt, sie kommen flach in ein trockenes Frotteetuch, das mitsamt dem Kleidungsstück aufgerollt und mit beiden Händen gepresst wird. Das Tuch nimmt viel Wasser auf, der Rest verdunstet an der Luft.

Nasses Gestrick trägt viel freies Wasser zwischen den Fasern. Auf dem Bügel zieht dieses Gewicht Schultern und Saum in die Länge, und der Verzug bleibt nach dem Trocknen sichtbar. Liegend auf einem Handtuch trocknet das Teil formstabil, sofern es vorher wieder in seine Maße geschoben wird. Ein Foto oder die notierte Breite vor der Wäsche hilft beim Nachformen des feuchten Gestricks. Woolmark empfiehlt, Strickwaren flach und im Schatten zu trocknen. Heizung und direkte Sonne scheiden aus, der Trockner ebenso, solange das Etikett ihn nicht erlaubt.
Pilling entfernen und Motten fernhalten
Pilling ist die Bildung kleiner Knötchen an der Oberfläche und entsteht durch Reibung beim Tragen. Betroffen sind vor allem Ellenbogen, Achseln, Ärmel, Bauch und Seiten, weil dort Arme und Rumpf ständig am Gestrick reiben. Sind es wenige Knötchen, lassen sie sich nach dem Trocknen von Hand abnehmen. Ein Kamm hilft ebenfalls, er muss dabei sehr behutsam geführt werden. Batteriebetriebene Fusselrasierer entfernen die Knötchen zuverlässig. Vorbeugen lässt sich mit dem Wenden auf links vor der Wäsche, mit dem Verzicht auf Weichspüler und mit weniger Reibung beim Tragen.
Kleidermotten werden als Falter bis zu einen Zentimeter lang, Schaden richten ausschließlich ihre Larven an. Diese Larven ernähren sich von keratinhaltigen Materialien wie Wolle, Haaren oder Federn, Baumwolle lassen sie liegen. Bevorzugt befallen werden Textilien, die mit Schweiß, Hautschuppen oder Tierhaaren verunreinigt sind, ein sauber gewaschenes Teil zieht die Tiere seltener an. Für die Entwicklung sind Temperaturen um 24 Grad und mindestens 75 Prozent Luftfeuchte optimal. Befallene Stücke werden bei mindestens minus 19 Grad über mindestens 36 Stunden eingefroren, wiederholt über mehrere Wochen. Gereinigte Wolle lagert gut verschlossen.
Fazit zur Pflege von Wolle, Kaschmir und Seide
