Wo die Löwen weinen: Podcast und Roman über den Streit um Stuttgart 21
Im Frühjahr 2011 steht Stuttgart im Zeichen eines Bahnhofs. Zehntausende demonstrieren gegen das Bauprojekt Stuttgart 21, denn das Milliardenprojekt bewegt die ganze Region. Der Schlossgarten wird dabei zum Symbol eines erbitterten Konflikts. Mitten in dieser aufgeheizten Lage erscheint mit „Wo die Löwen weinen“ ein Kriminalroman zum Streit. Heinrich Steinfest verwandelt den Kampf um den Tiefbahnhof in einen fantastischen Krimi und schenkt der Debatte damit eine neue Bühne.
Zum Roman gehört von Beginn an ein Podcast, der das Buch in den Stadtraum hinein verlängert. Der Autor wandert darin gemeinsam mit Wolfgang Tischer vom Literaturcafé durch Stuttgart. Beide besuchen die Schauplätze der Handlung und sprechen dabei über Fiktion, Wirklichkeit und die Stimmung in der Stadt. Alle Folgen lassen sich kostenlos im Netz anhören und verbinden den Krimi mit einem Stück gelebter Zeitgeschichte.
Ein Podcast führt an die Schauplätze des Romans
Der Podcast zu „Wo die Löwen weinen“ ist eine Koproduktion des Theiss Verlags mit dem Literaturcafé von Wolfgang Tischer. In 16 Folgen ziehen der Schriftsteller und sein Gastgeber durch Stuttgart. Der Weg führt sie vom Hauptbahnhof über den Schlossgarten bis zu den stilleren Ecken der Romanhandlung. Die Gespräche entstehen dabei direkt an den Originalschauplätzen und drehen sich um reale Orte, erfundene Figuren und das Bahnprojekt.
Neue Folgen erschienen im Frühjahr 2011 jeweils donnerstags und montags. Ende Juni kam außerdem eine Bonusfolge hinzu. Darin treffen sich Steinfest und Tischer erneut im Schlossgarten und blicken auf die Monate seit dem Erscheinen des Buches zurück. Die Themen reichen von der Landtagswahl in Baden-Württemberg bis zu den konkurrierenden Gutachten rund um den Bahnhof. Sämtliche Episoden stehen dauerhaft und kostenlos zum Anhören bereit und lassen sich bequem über den RSS-Feed oder iTunes abonnieren.
Ein Kommissar, ein toter Hund und eine gespaltene Stadt
Im Mittelpunkt des Romans steht Kommissar Rosenblüt, ein philosophierender Ermittler aus Stuttgart. In seiner Heimatstadt muss er einen rätselhaften Fall aufklären. Der Fall führt ihn quer durch die aufgewühlte Stadt. Begleitet wird er ausgerechnet von seinem verstorbenen Hund Kepler, der der Geschichte eine wunderbar fantastische Note verleiht. Steinfest verwebt den Kriminalfall eng mit der Protestbewegung gegen Stuttgart 21 und lässt zum Beispiel die Demonstrationen jener Monate in die Handlung einfließen.
Um den Ermittler herum versammelt der Autor ein eigenwilliges Personal, zu dem Figuren wie Hans Tobik und Wolf Mach gehören. Der Roman erschien im Frühjahr 2011 beim Stuttgarter Theiss Verlag. Er wagt zugleich einen literarischen Drahtseilakt, denn er mischt Krimispannung, Satire und liebevolle Ortskenntnis zu einem Porträt der Landeshauptstadt. Stuttgarter erkennen viele Straßen und Plätze sofort wieder. Allen anderen liefert der Podcast die passenden Bilder im Kopf einfach mit.
Stuttgart 21 als Stoff für die Literatur
Die Auseinandersetzung um den geplanten Tiefbahnhof hat Stuttgart über Jahre geprägt und die Stadtgesellschaft tief gespalten. Montagsdemonstrationen, Menschenketten und der umstrittene Polizeieinsatz im Schlossgarten vom Herbst 2010 machten bundesweit Schlagzeilen. Aus einem Infrastrukturprojekt wurde dadurch eine Grundsatzfrage über Bürgerbeteiligung und politische Kultur. Ein Roman wie „Wo die Löwen weinen“ hält diese aufgewühlte Stimmung literarisch fest und macht sie damit auch für Außenstehende nachvollziehbar.

Der Podcast ergänzt den Roman um eine dokumentarische Ebene, denn er zeigt die Orte im Zustand jener bewegten Monate. Hörer erleben einen Schriftsteller, der auf seine Stadt blickt, während dort Geschichte geschrieben wird. Ganz nebenbei entsteht daraus eine sehr persönliche literarische Stadtführung durch Stuttgart. Das Format verbindet Spaziergang, Gespräch und Zeitdokument zu einem Projekt, das der deutschsprachige Buchmarkt in dieser Form selten erlebt hat.
Der Autor Heinrich Steinfest
Heinrich Steinfest kam 1961 in Australien zur Welt und wuchs in Wien auf. Heute lebt er als freier Schriftsteller in Stuttgart. Bekannt machten ihn seine Kriminalromane um den einarmigen Wiener Privatdetektiv Markus Cheng. Die Reihe begeisterte die Kritik und holte außerdem mehrfach Auszeichnungen beim Deutschen Krimipreis. Sein Erzählen vereint klassische Ermittlerarbeit mit skurrilem Humor und philosophischen Abschweifungen, was ihm eine treue Lesergemeinde eingebracht hat.
Für „Wo die Löwen weinen“ wagte sich der Autor an einen Roman über seine Wahlheimat und deren größten Streitfall. Die Nähe zum Stoff hat einen einfachen Grund. Steinfest wohnt selbst in Stuttgart und erlebte die Proteste direkt vor der eigenen Haustür. Im Podcast erzählt er offen von seinem Blick auf die Stadt und von der Arbeit am Buch. Außerdem berichtet er von den Reaktionen, die der Roman in der aufgeheizten Debatte ausgelöst hat.
Vom Roman zum Hörspiel im SWR
Ende 2011 nahm sich der Südwestrundfunk des Stoffes an. Für SWR2 entstand ein dreiteiliges Hörspiel, das Steinfest höchstpersönlich für das Radio bearbeitet hat. Die Regie übernahm Günter Maurer Vor den Mikrofonen standen Volker Risch als Kommissar Rosenblüt, Bernd Tauber als Hans Tobik und Wolfram Berger als Wolf Mach. Die Produktion montiert Originalaufnahmen der Proteste in die Krimihandlung und holt die reale Debatte damit direkt ins Radioprogramm.

Gesendet wurden die drei Teile rund um den Jahreswechsel. Die ersten beiden liefen jeweils am späten Donnerstagabend, das Finale folgte am Silvesterabend 2011. Eine hübsche Pointe versteckt sich in der Besetzungsliste, denn neben den menschlichen Darstellern bekommt sogar die Maschine eine eigene Sprechstimme. Den Hund Kepler vertritt mit Nanny vom Enztal außerdem ein echter Vierbeiner. Anfang 2012 kamen eine Aufführung im Planetarium Stuttgart und eine Hörbuchausgabe auf zwei CDs bei Osterwold Audio hinzu.
Fazit zu Wo die Löwen weinen
